Wie die Zukunft in Mariahilf erschien / Almuth Spiegler (Die Presse), 2016 [de]

Kunst im öffentlichen Raum. Ist das Kunst? Oder ein Werbeschild? Wer steckt hinter einem der subtilsten und teuersten Wiener Kunstprojekte der vergangenen Jahre? Zu Besuch beim Bildhauer und Zeitbesessenen Arnold Reinthaler.

Etwas stimmt da nicht. Blickt man in diesen langen dunklen Winternächten, am Weg vom Volkstheater zur Mariahilfer Straße, hinauf in den Werbeschilderwald auf den Dächern vor einem, stutzt man: „Tomorrow“ leuchtet da riesengroß, fast weihnachtlich verschnörkelt in feiner Leuchtschrift über all dem Shopping-Rummel. Eine Reklame? Wofür bitte? Die Adventisten? Den „New Deal“?

Das Haus stimmt einen misstrauisch, denn auf der anderen Dachseite dieses prominenten Eckhauses von Mariahilfer Straße und Getreidemarkt steht seit Jahren die Banker-Figur mit Hut und Anzug von Ronald Kodritsch und schaut lebensmüde hinunter auf den Verkehr, der sich hier von der Zweierlinie hinunter zur Secession ergießt. Kann „Tomorrow“ also ebenfalls Kunst sein? Sollen wir auch hier kurz innehalten in unserem täglichen Treiben und dessen Auswirkungen bedenken? Ist hier ein ganz prosaisches „tomorrow“ gemeint? Oder gar ein utopisches? Und wen kann man das fragen?

Arnold Reinthaler wird wohl gleich wieder ein kleines Marmorwürfelchen aus den langen Reihen von Marmorwürfelchen in der weißen Steintafel herausmeißeln, die an der Wand seines Ateliers hinter der Wiener Stadthalle lehnt. Nach dem Interview, das er gleich geben wird. Jeden Tag tut er das, man sieht es an den vielen Würfelchen, die schon auf dem Boden liegen. Jeden Tag lässt er so die Stunden, in denen er mit seiner Kunst beschäftigt ist, die starre, vorgegebene zeitliche Ordnung eines ganzen Jahres unterbrechen. Diese Tafeln mit den würfelzuckerartigen Rastern sind der Kalender seines Kunstschaffens, seit fast zehn Jahren führt er ihn.

Auf dem Grabstein steht „Komme gleich“

Arnold Reinthaler, der Bildhauer und Kulturwissenschaftler, ist schließlich Zeitspezialist. Langzeit-Spezialist. „Komme gleich“, liest man auf einer Granittafel an der Wand neben dem Marmorkalender. Ein ephemerer Post-it-Spruch, der hier wie ein Grabsteineintrag in die Ewigkeit eingeht. Der 1971 in Wels geborene Künstler liebt dieses Spiel mit der Zeit, mit unseren kulturell eingelernten und aufgeladenen Zeitbegriffen und Zeitsymbolen. Es ist sein weiß strahlender Hinweis auf ein „Tomorrow“, das einen da draußen gerade so nachdenklich gemacht hat.

Ein Teil des originalgroßen Modells für dieses Hunderttausende Euro teure Projekt mit seinen abertausenden LED-Lämpchen hängt noch im Atelier. Man sieht diese seltsamen Linien und Verstrebungen – wie kam er auf dieses Ornamentale? Die „Altrömische Schrift“ inklusive ihrer Konstruktionslinien stammt aus einem Schriftenbüchlein, das 1553 in Nürnberg von Wolfgang Fugger herausgegeben wurde, einem Mitglied der in der Renaissance so mächtigen schwäbischen Bankiersdynastie. Auch der Finanzier von Reinthalers „Tomorrow“ ist kein Armer nicht und kein Unbekannter, sondern der Unternehmer Michael Tojner, der zuletzt mit seinem umstrittenen „Heumarkt neu“-Projekt in den Medien war. „Tomorrow“ ist ein universelles Motto für das gesamte Unternehmertum der industriellen und postindustriellen Zeit, auch für Tojners natürlich – so arbeiten im Dachgeschoß unter dem Leuchtzeichen jetzt die Architekten seiner Industrieholding Montana. Was Reinthaler insofern gut gefiel, als es von außen wirkt, als wüchsen die Aufrisslinien der „Zukunft“ direkt aus den Büroräumen darunter. Ursprünglich hätten sie tatsächlich „wachsen“ sollen, die Schrift ist animierbar, jedes einzelne Lämpchen kann gesteuert werden. Die Schrift hätte sich über 24 Stunden hinweg aus dem Nichts aufbauen sollen, wäre erst kurz vor Mitternacht (fast) vollständig lesbar gewesen, bevor sie wieder verschwunden wäre und der Aufbau erneut begonnen hätte – „ganz greifbar kann die Zukunft ja nie werden“, so Reinthaler. Der Zeitlupen-Ablauf wäre für den Passanten oder gar den Vorbeifahrer allerdings unmöglich nachvollziehbar gewesen. Das sei auch für ihn, in den fünf Jahren der Planung, ein Lernprozess gewesen, sagt Reinthaler. Die reine Idee und der öffentliche Raum sind eben nicht immer eins. Auch davon kann der Auftraggeber wohl ein Lied singen. Jetzt steht das „Tomorrow“ eben still und starr. Aber immerhin für alle konsumierbar.

Als „Werbung“ für Tojners Imperium möchte Reinthaler den Schriftzug allerdings nicht verstanden wissen, ein Zusammenhang ist auch äußerlich nicht ersichtlich. Ersichtlich ist nur die Irritation. Diese Grauzone zwischen Auftragswerk, benachbarten Werbeschildern und autonomem Kunstwerk sei für ihn auch das Spannende, meint Reinthaler. Einen derart utopisch konnotierten Begriff der Moderne in dieses Spannungsfeld einzustreuen, einen Sehnsuchtsort so ganz beiläufig in unsere Gegenwart zu holen – das ist ihm gelungen. Und jetzt wissen wir auch, wem wir dafür danken können. Ein weißes Marmorwürfelchen später in der „Timeline“ dieses Bildhauers, der von der Zeit so besessen scheint.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 31.12.2016)